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Donnerstag, 7. Januar 2016

was tun mit den jungen Männern

Leider braucht es oft tragische Ereignisse, um Missstände aufzuzeigen, eine schon länger notwendige Diskussion in Gang zu setzen und – idealerweise – geeignete Maßnahmen zu ergreifen. Unabhängig davon, ob und wie viele gegenwärtige Asylwerber und Flüchtlinge sich in Köln unter den Tätern befunden haben, muss man sich einmal mehr ganz allgemein die Frage stellen, wie auf die vielen jungen Männern, die ihr Land in Richtung Europa verlassen, reagiert werden soll. Geeignete Strategien sind nach wie vor keine auszumachen, die Parteien versteifen sich seit je her auf das Tagesgeschäft und wechselseitige Anschuldigungen.
Junge Männer als Sicherheitsrisiko: Der "Youth Bulge"
Gunnar Heinsohn formulierte in seinem 2002 erschienen Buch "Söhne und Weltmacht" die These von einem Zusammenhang zwischen der überproportional hohen Anzahl junger Männer und Gewalt, Unruhen und Kriegen. Vor allem den dritten und vierten Söhnen mangele es an Perspektiven, auf friedlichem Wege einen gewissen Status zu erlangen, weil es schlichtweg mehr Menschen als verfügbare Arbeitsplätze gibt. Viele verlassen daher das Land oder – die weniger attraktive, weil ungleich gefährlichere Option – schließen sich kriminellen bis kriegerischen Gruppen an. In einem Interview mit der Neuen Zürchter Zeitung von 2006 brachte er seine Kernthese folgendermaßen auf den Punkt:
"Überschüssiges Testosteron hat auch der einzige Sohn, wenn er in die Pubertät kommt, die Eltern verachtet und mit dem Vater streitet. Und Wettbewerb gibt es auch in vergreisenden Ländern wie in Deutschland oder der Schweiz, um den besseren Job, den besseren Gedanken, das schönere Bild - aber: Er wird unblutig ausgetragen. Neben Testosteron und Konkurrenz braucht es für einen gewalttätigen Youth Bulge zusätzlich die Situation, dass es für zehn junge Männer nur eine Position gibt. Auch sexuelle Frustration kann eine Rolle spielen, wenn es in der betreffenden Gesellschaft Sex nur als Fortpflanzungsakt in der Ehe zu haben gibt, für eine Eheschliessung aber zuerst eine gesellschaftliche Position errungen werden muss."
Extreme Armut, Hunger sowie Religion beziehungsweise politische Ideologien sind so gesehen nicht ursächlich für Konflikte und Migration, wobei die beiden letztgenannten Faktoren entgegen der weitverbreiteten Wahrnehmung vielmehr bloße Vehikel im Kampf um die knappen Positionen darstellen – sogenannte Epiphänomene.
Zwei Handlungsoptionen für Zielstaaten
Attraktive Zielstaaten haben zwei unterschiedliche Wege gewählt, mit dem daraus folgenden und grundsätzlich schon länger bestehenden Migrationsdruck umzugehen: Schlüsselzuwanderung ("Rosinenpicken", auch als skilled migrationbekannt) von entsprechend ausgebildeten und nachgefragten Fachkräften gepaart mit Abschottung (so etwa praktiziert von Australien, Kanada oder mittlerweile auch immer stärker Großbritannien, allesamt durch ihre geographische Lage begünstigt) auf der einen und das hehre Ziel, möglichst viele Menschen aufzunehmen, auf der anderen Seite.
Diese beiden Zugänge sind miteinander kaum kompatibel, beim Wettbewerb um die besten Köpfe und potentielle Leistungsträger gelten Staaten wie Deutschland, Österreich oder Schweden aufgrund der Steuerlast für viele als unattraktiv. Ihr Hauptargument liegt in ihren stark ausgebauten Wohlfahrtssystemen und dem damit einhergehenden sozialen Frieden, den Heinsohn jedoch aufgrund der beschränkten Aufnahmekapazitäten der Länder, die sich für zweiteren Weg verschrieben haben, gefährdet sieht:
"... können die 500 Millionen EU-Bürger mit ihren riesigen Schulden und unbezahlbaren Rentenversprechen wirklich noch einmal so viele Menschen als Migranten absorbieren? Immer mehr Staaten gehen andere Wege, sichern ihre Grenzen militärisch und lassen nur noch die Kompetenten auf ihr Territorium. Vergleichsweise offene Länder schultern dadurch zusätzliche Lasten, weshalb ihre besten Talente wiederum in die Kompetenzfestungen umziehen. Schon jetzt liegen acht der zehn lebenswertesten Metropolen in Australien, Kanada und Neuseeland. Grossbritannien macht seine Grenzen inzwischen ebenfalls dicht, weil bereits 2,3 Millionen seiner Könner irgendwo zwischen Vancouver und Auckland wohnen. Andere Regierungen – in Stockholm, Paris oder Berlin – bewerten den Einsatz für flüchtende Menschen höher als ökonomische Zukunft und sozialen Frieden. Die grösste Migration der Geschichte könnte für ganz neue Grenzziehungen sorgen."
Kein Plan, nirgends?
Zu massenhaften Rückführungen und Abschiebungen wird es auf unabsehbare Zeit aus den unterschiedlichsten Gründen (auf die hier nicht näher eingegangen werden kann) nicht kommen. Österreich steht somit vor der Herkulesaufgabe, die vielen männlichen Asylwerber und Flüchtlinge entsprechend in die Gesellschaft einzugliedern und sich mit den Gefahren eines "youth bulge" auseinanderzusetzen.
Zentral sind hier Arbeitsplätze und Familiengründung. Beide Faktoren werfen jedoch große Fragen auf, die äußerst nachdenklich stimmen.
So verfügen verfügen die meisten, die aus den großen Herkunftsländern Syrien und Afghanistan stammen, laut Angaben der "Presse" nur über über ein äußerst geringes Bildungsniveau. Außerdem ist die Wirtschaftslage innerhalb der EU allgemein nach wie vor äußerst düster, gerade im Bereich der nicht bis wenig Qualifizierten gibt es wenige Stellen. Österreich gilt in Sachen Arbeitslosigkeit obendrein schon lange nicht mehr als Erfolgsbeispiel, zumal es neben Finnland 2015 das einzige Land war, das hier einen Anstieg verbuchen musste. Sprachbarrieren, falsche Erwartungshaltungen (vor allem in Bezug auf Lohn) sowie kulturelle Unterschiede treten hier anscheinend erschwerend hinzu. In Bayern brechen aus diesen Gründen 70% der Flüchtlinge ihre Ausbildung ab. Einen über das Mantra von "Deutsch lernen" hinausgehenden und einigermaßen erfolgsversprechenden Plan, Arbeits- und Lehrstellen zu schaffen und dafür zu sorgen, dass diese auch behalten werden, scheint es in Österreich bislang allerdings nicht zu geben.
Mit beruflicher Integration einhergehend haben Heirat und Familiengründung laut dem US-amerikanischen Psychologe Steven Pinker, der mit "The better Angels of our Nature: Why Violence has declined" das aktuell wohl bedeutsamste Buch zum Thema Gewalt geschrieben hat, einen entscheidenden Anteil an zunehmender Friedfertigkeit bei Männern. Das Tragen familiärer Verantwortung spricht schließlich gegen allzu risikoreiches Verhalten. Dementsprechend weisen verheiratete Männer in der Regel auch geringere Testosteronwerte auf (interessanterweise auch ohne Vaterschaft).
So heikel dieses Thema auch sein mag, junge Syrer und Afghanen dürften alleine aus mathematischen Gründen keine allzu guten Aussichten haben, eine Partnerin zu finden. Wie auch bei der Integration am Arbeitsmarkt wird das Ungleichverhältnis durch Sprache und Kultur (wobei das im islamischen Raum weit verbreitete Frauenbild eine Rolle spielt, siehe dazu etwa dieses Interview mit Necla Kelek) verschärft. Als Ausweg wird hier oft die schnellstmögliche Familienzusammenführung gefordert. Das Problem hierbei besteht jedoch darin, dass die Zahl der zu integrierenden Personen dadurch nicht zuletzt aufgrund des weiteren Familienbegriffs in den betroffenen Gebieten nochmals zusätzlich um ein Vielfaches anschwillt.
Sofern Heinsohns Thesen stimmen, könnte derzeit über die kurzfristigen, bereits bestehenden Probleme hinaus langfristig ein Pulverfass entstehen. Junge Männer ohne Perspektiven bergen große Risiken. Angesichts dieser besorgniserregenden Tendenzen liegt hier wohl die Schlüsselfrage unserer Zeit.

Dienstag, 20. Oktober 2015

Von kleinen und großen Grenzen

Die Debatte rund um die inner- und außereuropäischen Grenzen erreicht derzeit eine neue Dimension. Was noch vor wenigen Monaten undenkbar erschien und auf vereinzelte Episoden zeitlich begrenzter verstärkter Kontrollen beschränkt war, wird heute zumindest öffentlich diskutiert. Rainer Wendt, seines Zeichens immerhin Chef der deutschen Polizeigewerkschaft, hat dieser Tage einen Tabubruch begangen und die Errichtung eines Grenzzauns zu Österreich gefordert. Wodurch – wie von Wendt auch so gewollt – eine Kettenreaktion auslösen könnte, weil Österreich wiederum seine Grenze zu Slowenien schließen könnte und so weiter. Womit konsequent zu Ende gedacht also der gesamte Schengen-Acquis in Frage gestellt wird. Angesichts der fundamentalen Bedeutung der Beseitigung der innereuropäischen Grenzen ist klar: Die Sache dürfte im Argen liegen.
Bei genauerer Betrachtung kommt die neue Sehnsucht nach alten Grenzen nicht von irgendwo, vielmehr ist sie dem Schengen-Acquis inhärent. Schließlich war die kollektive und umso stärkere Absicherung der EU-Außengrenzen Grundbedingung für den gemeinsamen europäischen Raum. Woraus sich einmal mehr eine historische Konstante offenbart: Wo alte Grenzen wegfallen, werden oftmals neue errichtet. Oder eben auch wiedereingeführt.
Dazu muss es nicht unbedingt beziehungsweise ausschließlich auf zwischenstaatlicher Ebene kommen. Wenn das Vertrauen in den öffentlichen Grenzschutz sinkt und in weiterer Folge einzelne ihre Sicherheit geringer einschätzen, stehen an letzter Stelle gated communities, Alarmanlagen, Wachhunde und private Schusswaffen. Der Unterschied zwischen privaten und öffentlichen Grenzen ist so gesehen nur gradueller Natur.
Doch während Privatpersonen im Regelfall (von Extrembeispielen abgesehen) ausschließlich ungebetene Eindringlinge fernhalten wollen („You kids get off my lawn!“), waren und sind viele totalitäre Staaten auch bestrebt, die ungehinderte Ausreise der eigenen Bevölkerung, die ansonsten mit den Füßen abstimmen würde, zu verhindern – der Hauptgrund für das weithin negative Bild von Grenzen. Die Berliner Mauer und allgemeiner die innerdeutsche Grenze, um das in hiesigen Breiten prominenteste Beispiel zu nennen (wiewohl an der tschechoslowakischen Grenze zu Österreich noch mehr Menschen verstorben sind) mitsamt den dazugehörigen Schießbefehlen und Selbstschussanlagen richtete sich in erster Linie gegen die Straftat der „Republikflucht.“ Mit anderen Worten: Im Kalten Krieg hat sich weniger der „Westen“ effektiv abgeschottet – vielmehr war der „Osten“ eingesperrt.
Doch auch die Abschottungsfunktion steht – unabhängig davon, auf welcher Ebene sie stattfindet – bei vielen in Verruf. Der polnische Soziologe Zygmunt Bauman etwa bezeichnete die Errichtung einer „Festung Europa“ und die Herausbildung von gated communities in seiner Schrift "Liquid Times" als gleichermaßen zum Scheitern verurteilte Reaktionen auf die zunehmende Fragilität des Staates und seiner Institutionen. Am Ende, so Bauman, führt eine derartige Segregation jedoch zu noch mehr Angst vor dem Fremden ohne das Problem an der Wurzel zu packen. Kritiker wiederum würden freilich einwenden, dass es einen gravierenden Unterschied macht, ob man sophistisch vom Lehrstuhl aus über Segregation und soziale, kulturelle oder religiöse Durchmischung fabuliert oder ihre derzeitigen Erscheinungsformen in einschlägig bekannten Städten und Vierteln tagtäglich erlebt.
Wie die Wurzeln der neuen Unsicherheiten auf eine realpolitisch umsetzbare Art und Weise angepackt werden könnten, steht freilich auf einem anderen Blatt. Die Negativbeispiele – allen voran die Banlieus – sind allgemein bekannt, selbst Schweden hat seit den Krawallen von Stockholm und auch in Bezug auf die gegenwärtige Aufnahme von Flüchtlingen viel von seinem Status als Musterland der Integration eingebüßt. Im Moment regieren dementsprechend Ungewissheit und Sorge. So gesehen könnte der Trend, sich in irgendeiner Form staatlich oder, so dies nicht hinreichend geschieht, privat abzugrenzen, mitunter erst am Anfang stehen.