Seit mittlerweile gut einem Jahr sitze ich daran, Musils Mann ohne
Eigenschaften fertig zu lesen. Allein deswegen, weil er neben dem
Ulysses als einer der großen Romane gilt, den viele kennen, aber ihn höchstens zu Teilen und kaum komplett gelesen haben. In der Tat, es ist durchaus
anstrengend, das Buch ist schwer (daher mittlerweile auf die
Kindle-Version umgestiegen), stellenweise nicht enden wollend und, wenn
man sich ehrlich ist, passiert eigentlich nicht viel. Unzählige
Gespräche, Beschreibungen, Beobachtungen, Charakterisierungen von
Menschentypen und einer Epoche beziehungsweise jener Zeit, die der
gelernte Österreicher immer noch am Liebsten idealisiert: Das
Österreich, genauer gesagt das Wien des fin de siècle. Aber dennoch,
irgendwas hat der Roman dann doch für sich (umsonst schafft man es nicht
in den Bildungskanon), immer wieder findet sich etwas, das sich als
prophetisch deuten lässt, immer wieder wird man zum Nachdenken angeregt.
So etwa unter anderem in Musils Beschreibungen zum Reichsein, das auch
seine Schattenseiten hat.
Auch Henryk Broder hat unlängst einen Artikel zum Wohlstand
geschrieben. Dazu, dass es heute eher verpönt ist, reich zu sein und
Reichtum zu zeigen. Wer Geld hat, wird kritisch beäugt, muss irgendwie
kriminell sein, hat vielleicht bloß geerbt oder ist ein Ausbeuter. Nein,
die Guten sind selten bis gar nicht reich.
Was für Millionäre gilt, trifft auch auf Wohlstands-Gesellschaften
zu. Hier hat sich etwa Peter Sloterdijk in seiner Schrift „Die nehmende
Hand und die gebende Seite“ geäußert: Ihm zufolge geht die
gesellschaftlich weit verbreitete Verurteilung von Wohlstand auf das
Rousseausche Diktum von der konfliktfördernden Wirkung der
Eigentumsbegründung. Das diesbezügliche Zitat ist ja allgemein bekannt:
"Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den
Gedanken kam zu sagen »Dies gehört mir« und der Leute fand, die
einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der
bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wieviel
Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn
jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte:
»Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn
ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, aber die Erde niemandem
gehört«."
Die ursprüngliche Landnahme als Unrechtsakt lässt sich damit als
Erbsünde moderner bürgerlicher Gesellschaften ansehen, die es früher
oder später rückgängig zu machen gilt. Aus den daraus resultierenden
Schuldgefühlen nehmen die Besteuerten auch stoisch die historisch
unvergleichlich hohe Steuerlast hin. Jeder nachfolgende staatliche
Handlung, die Errichtung der bürgerlichen Gesellschaft selbst, gründet
auf Unrecht und ist insofern zu hinterfragen. Hier finden revolutionäre
Ideen, allen voran der Marxismus und die Proudhornsche Losung vom
Eigentum als Unrecht ihren Ursprung.
Ob und inwiefern unsere bürgerliche Gesellschaft tatsächlich so
entstanden ist, weiß man nicht. Ebenso wenig muss man Rousseau
entgegenhalten, dass Gesellschaften mit einem funktionierenden System
des Eigentumsschutzes und der Eigentumsbegründung mehr Wohlstand
schaffen. So etwa die Ausführungen Hernando de Soto in seinem aus dem
Jahr 2002 stammenden Werk
"Freiheit für das Kapital". Die FAZ von damals dazu:
Die Hauptursache für die Armut in der Welt lautet de Soto zufolge
also nicht "zu wenig Geld", sondern "schlechtes Recht". Diese These
stellt der Ökonom in den Zusammenhang der Globalisierungsdebatte. Er
gibt den Globalisierungskritikern in vielen Punkten recht. "Außerhalb
der westlichen Welt", schreibt er, "stößt der Kapitalismus auf wachsende
Feindschaft; er ist ein Apartheid-System, das die meisten Menschen
ausgrenzt." Die Ursache sieht er aber nicht in der Globalisierung
selbst, sondern im Versagen, die "entscheidende Eigentumsfrage" in den
Mittelpunkt zu stellen: In den Ländern der Dritten Welt profitieren nur
wenige Privilegierte von der Globalisierung, weil die anderen keinen
Zugang zum Rechtssystem haben, da es nicht gelungen ist, ihr Kapital zu
"globalisieren".
Davon abgesehen; Reichtum ist kein Selbstzweck, er kann auch als
Belastung aufgefasst werden, mit der nicht jeder umzugehen vermag und
die belastet. Man denke nur an das Schicksal vieler Lottogewinner oder
mit bombastischen Verträgen ausgestatteter Spitzensportler, die nach
einigen Jahren wieder alles verjubelt haben und sich für bankrott
erklären müssen. Zu viel Geld kann einem auch das Gefühl vermitteln,
nicht über genügend Zeit zu verfügen, ihn entsprechend auszukosten und
von den damit einhergehenden Möglichkeiten ausreichend Gebrauch zu
machen. Ebenso kann jemand, der viel hat, auch viel verlieren und oft
braucht der Sturz ins Unglück auch nur relativ gesehenen geringen
Verlust. Man denke an die
Selbstmorde
so mancher Unternehmer und Investoren, die im Zuge der jüngsten
Finanzkrise viel Geld verloren haben (so etwa Adolf Merckle. Die
immer noch reich waren, nur eben weniger reich. Denen der relative
Wohlstandsverlust zugesetzt hat. Ab einer gewissen Reichtumsstufe macht
die nächste Million nicht mehr viel glücklicher, der Verlust einer
Million dafür umso mehr.
Hinzu kommt, dass Reichtum die Wahrnehmung der Mitmenschen verzerrt.
So wie man als westlich aussehender Tourist in so manchen Gegenden das
Gefühl hat, für viele wie ein wandelnder Bankomat auszusehen, bleiben
Reiche in hiesigen Breiten lieber unter sich; vielleicht auch, weil
ihnen von Seiten vieler mit einem niedrigeren finanziellen Status Neid
oder der Wunsch, doch ein wenig etwas für diese oder jene Unternehmung
abzugeben, entgegenschwallt. Wer weiß, ob ein Lottogewinn sich letzten
Endes sich nicht als Fluch herausstellt, wie viele Freunde einen in
seinen Sorgen nicht mehr ernst nehmen oder zumindest Gedanken wie "wieso
ist der so traurig, er hat doch so viel Geld" hegen würden. Weshalb
unterschiedliche Wohlstandsniveaus Freundschaften oft – nicht immer –
belasten und sogar verunmöglichen können. Am Ende des Tages messen
Menschen ihr persönliches Glück in Relation zu Nachbarschaft,
Arbeitskollegen und Freunden, nicht mit den Kim Kardashians dieser Welt.
Das letzte Wort, weil Ursprung für diese Zeilen, soll aber Musil mit
seiner wunderbaren Beschreibung vom Geld als Bürde in seinem Mann ohne
Eigenschaften und der Charakterisierung des wohlhabenden und sich
intellektuell betätigenden Industriellen Arnheim:
Nur Leute, die kein Geld haben, stellen sich Reichtum wie einen
Traum vor; Menschen, die ihn besitzen, beteuern dagegen bei jeder
Gelegenheit, wo sie mit Leuten zusammentreffen, die ihn nicht besitzen,
welche Unannehmlichkeit er bedeute.
Arnheim hatte zum
Beispiel oft darüber nachgedacht, dass ihn doch eigentlich jeder
technische oder kaufmännische Abteilungsleiter seines Hauses an
besonderem Können beträchtlich übertreffe, und er musste es sich jedes
Mal versichern, dass, von einem genügend hohen Standpunkt betrachtet,
Gedanken, Wissen, Treue, Talent, Umsicht und dergleichen als
Eigenschaften erscheinen, die man kaufen kann, weil sie in Hülle und
Fülle vorhanden sind, wogegen die Fähigkeit, sich ihrer zu bedienen,
Eigenschaften voraussetzt, welche nur die wenigen besitzen, die eben
schon auf der Höhe geboren und aufgewachsen sind.
Eine andere, nicht geringere Schwierigkeit für reiche Leute ist
die, dass alle Leute Geld von ihnen wollen. Geld spielt keine Rolle; das
ist richtig, und einige tausend oder zehntausend Mark sind etwas,
dessen Dasein oder Fehlen ein reicher Mann nicht empfindet. Reiche Leute
versichern dann auch mit Vorliebe bei jeder Gelegenheit, dass das Geld
am Werte eines Menschen nichts ändere; sie wollen damit sagen, dass sie
auch ohne Geld so viel wert wären wie jetzt, und sind immer gekränkt,
wenn ein anderer sie missversteht. Leider widerfährt ihnen das gerade im
Verkehr mit geistvollen Menschen nicht selten. Solche besitzen
merkwürdig oft kein Geld, sondern nur Pläne und Begabung, aber sie
fühlen sich dadurch in ihrem Wert nicht gemindert, und nichts scheint
ihnen näher zu liegen, als einen reichen Freund, für den das Geld keine
Rolle spielt, zu bitten, dass er sie aus seinem Überfluss zu irgendeinem
guten Zweck unterstütze. Sie begreifen nicht, dass der reiche Mann sie
mit seinen Ideen unterstützen möchte, mit seinem Können und seiner
persönlichen Anziehungskraft. Man bringt ihn auf diese Weise außerdem in
einen Gegensatz zu der Natur des Geldes, denn diese will die Vermehrung
genauso, wie die Natur des Tieres die Fortpflanzung anstrebt. Man kann
Geld in schlechte Anlagen stecken, dann geht es auf dem Feld der
Geldlehre zugrunde; man kann damit einen neuen Wagen kaufen, obgleich
der alte noch so gut wie neu ist, in Begleitung seiner Polopferde in den
teuersten Hotels der Weltkurorte absteigen, Renn- und Kunstpreise
stiften oder für hundert Gäste an einem Abend so viel ausgeben, dass
davon hundert Familien ein Jahr lang leben könnten: mit alledem wirft
man das Geld wie ein Sämann zum Fenster hinaus, und es kommt
vermehrt bei der Türe wieder herein. Es aber im Stillen für Zwecke und
Menschen verschenken, die ihm nichts nützen, das lässt sich nur mit
einem Meuchelmord am Geld vergleichen. Es kann sein, dass diese Zwecke
gilt und diese Menschen unvergleichlich sind; dann soll man sie mit
allen Mitteln fördern, nur nicht mit Geldmitteln.