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Donnerstag, 18. Februar 2016

Die Zeit, die bleibt

Zeit ist ein knappes Gut, sagt die Binsenweisheit; mit wem und womit man sie verbringt, will gut überlegt sein. Nur allzu verlockend das Versteck hinter der Phrase, keine Zeit zu haben, weil man sie irgendwie auch gar nicht haben möchte. Gemeint sind jene, die unter Urlaub Kurzurlaub verstehen; Städtetrips, zwei Tage, vielleicht drei. Die bei Einladungen reflexartig mit "schaun wir mal", "ich kann noch nicht fix zusagen" und Ähnlichem antworten. Die selbst die Mittagspause am Arbeitsplatz verbringen und auch am Wochenende arbeiten. Denen vor der Zeit abseits vom Arbeitsplatz regelrecht graut. Aber auch jene, denen die Zeit buchstäblich davonläuft, sobald sie den strengen Augen der Vorgesetzten entkommen konnten.
Der natürliche Umgang mit der Zeit ist kein Leichtes. Was verschiedene Gründe hat, zwei seien hervorgehoben: Einerseits die Angst, etwas zu verpassen (man spricht von "FOMO", Fear Of Missing Out). Überall lauern Events aller Art, von Diskussionsveranstaltungen und Ausstellungen über Restauranteröffnungen bis hin zu den vielen Späßen nach 23h und später. Was dann dazu führt, dass man entweder an keinem der gewählten Orte glücklich wird (weil es ja noch unzählige andere zur Auswahl gegeben hätte, wo es doch vielleicht besser ist) oder es gleich bleiben lässt. Wie uns die Verhaltensökonomik lehrt, führt ein Überangebot zu weniger Konsum beziehungsweise umgekehrt eine geringere Auswahl zu mehr. Gut möglich, dass das nicht nur für Produkte, sondern auch für die Gestaltung unserer Freizeit gilt.
Zweitens der Drang zu beruflicher Selbstverwirklichung, für die man viel in Kauf nimmt. Viele oszillieren zwischen „Selbstausbeutung“ zwecks Erreichung eines selbstgesetzten beruflichen Ideals und der Notwendigkeit von Erholung. Arbeit verstanden als wenig inspirierende, aber nun einmal notwendige und streng von der Freizeit getrennte Tätigkeit ist dem Beruf im Sinne von „Berufung“ gewichen. Von Berufung kann man dann sprechen, wenn man sein Geld mit etwas verdient, das man eigentlich auch gratis oder auch für wesentlich weniger Geld machen würde – eben, weil es einem Freude bereitet. Ein Ideal, für das man sehr viel zu tun gewillt ist. Nur logisch, dass die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit hier fließend, im schlimmsten Fall auf Kosten von letzterer verläuft: „Wenn ich nur lange genug hart genug daran arbeite, werde ich irgendwann da und dort sein, dieses und jenes machen und dann wird alles gut“ – eine Vorstellung, die sich vielfach als Trugschluss entpuppt. Zumal dann die Frage folgt, ob das erreichte Ziel die dafür eingesetzten Anstrengungen und Mittel tatsächlich wert war. Wenn man erst dann merkt, wie viel man auf dem Weg dorthin eigentlich aufgegeben beziehungsweise nicht ausreichend beachtet hat – Kontakt mit Verwandtschaft und Freunden, Familiengründung oder ein geliebtes Hobby.
Die Auswege aus dem Dilemma mit der Zeit sind vielfältig. Manche laufen geradewegs ins Burnout; wenn Körper und Geist durch Arbeitsverweigerung gewaltsam den Raum nehmen, der ihnen zu lange vorenthalten wurde. Um gar nicht erst dorthin zu kommen suchen andere sich Hobbies, die nur bedingt etwas mit dem Beruf zu tun haben; an jeder Ecke eine Crossfit-Box oder ein Fitness-Center, für die gemütlicheren gibt es Malerei- und Töpferkurse (selbst häkeln und stricken sind wieder en vogue).
Oder man gönnt sich dann doch ab und an eine Auszeit in den unterschiedlichsten Formen: Thermenbesuche, Entschlackungskurse, Wanderungen. Vielleicht steigt man auch in den Flieger, um mal „ganz was Neues“ zu erleben: Indien, Laos, Kambodscha und Thailand stehen da hoch im Kurs. Um zumindest temporär ein Höhegefühl zu erleben und das Gefühl zu haben, die Dinge in Perspektive zu rücken. Ein Esprit, der oft nur bis zum ersten Kontakt mit dem Wienerischen bei der Rückkehr anhält. Daheim kann man dann wenigstens noch erzählen "wie erfrischen anders" die Kultur und die Menschen dort nicht sind.
Am Ende steht die nüchterne Erkenntnis: Man wird immer etwas verpassen und man wird immer etwas falsch machen, egal, wie man mit einer Zeit umgeht. Aber man wird auch etwas erleben und auch etwas richtig machen. Jede Entscheidung für etwas bedeutet ja zugleich auch eine Entscheidung gegen etwas und umgekehrt. Was aber immer noch besser ist, als gar keine zu treffen.

Samstag, 17. Oktober 2015

Was wurde eigentlich aus der Empörung?

Vor ziemlich genau 5 Jahren veröffentlichte Stéphane Hessel seine Kampfschrift Empört Euch! (Indignez-yous!), ein Aufruf, den er mit zahlreichen Missstände – vom globalen Wirtschafts- und Finanzsystem über die verfehlte Sozial- über Entwicklungspolitik bis hin zum Umweltschutz – begründete. Nachdem seine Worte damals einige Wochen lang für Aufsehen sorgten und Anlass für unzählige Diskussionen gaben, sind sie letztlich ebenso versandet wie sein diffuser Aufruf, Widerstand zu leisten. Bleibt die Frage, ob wir das Empören einmal mehr wieder verlernt oder zumindest vergessen haben; und wieso auf die Empörung oft nichts weiter folgt. Ob wir uns gar zu viel empören?

Anlass zur Empörung

Anlässe zur Empörung gibt es freilich immer zur Genüge. Die von Hessel genannten Probleme bestehen nach wie vor beziehungsweise haben sie sich verschärft. Auch wenn Politiker gerne anderes behaupten: Die Wirtschaftskrise ist nicht beendet, ganz im Gegenteil. Vielmehr wird sie seit geraumer Zeit verschoben bis verschleppt (das langsame Dahinsiechen seit 2008 erinnert an die wirtschaftliche Situation in Japan seit den 1990er Jahren, wobei dort weniger sozialer Sprengstoff gelagert ist). Kaum verwunderlich, dass die Menschen heute über weniger Geld verfügen als 2007. Allgemein besteht die Gefahr, dass die damals und bis heute getroffenen Maßnahmen das Ausmaß der Krise letzten Endes vergrößert haben und ein neuerliches Ausbrechen die Auswirkungen von 2008 in den Schatten stellen werden.
Dazu sind neue Probleme getreten, etwa die HYPO-Saga und vor allem die Asylkrise. Wie die enorme Polarisierung in dieser Angelegenheit gezeigt hat, interessanterweise unabhängig davon, wie man zu diesem Thema steht.
Und dann noch die vielen kleinen Dinge, an die wir uns schon gewöhnt haben. Wenn man etwa bei Dossier von den Unsummen liest, die von Regierung, Parteien oder staatsnahen bis staatlichen Unternehmen für Inserate ausgegeben werden; das Einzahlen des ÖH-Beitrags zu Semesterbeginn, der einen über den Zustand der ÖH und der österreichischen Hochschulen sinnieren lässt (erinnert sich noch jemand an die Audimax-Besetzung? Was hat sich seitdem getan?); die anlässlich jeder neuen Budgetrede schwindende Hoffnung, an die Wortformel der sicheren Pensionen zu glauben (heuer werden 340 Millionen € zusätzlich zugeschossen).

„The revolution will not be televised“

Meistens bleibt es jedoch bei der Empörung. Man denke an die HYPO-Saga: Hier ist am Ende des Tages nichts geschehen, wiewohl ein für österreichische Verhältnisse erstaunlich lautes Raunen durch die Medienwelt ging. Ja, man hat geschimpft, manche sind sogar Hessels Aufruf gefolgt und in den Steuerstreik getreten. Aber im Großen und Ganzen ist die Bevölkerung ruhig geblieben, lediglich 600 Personen haben etwa für einen HYPO-U-Ausschuss demonstriert. Gerade hier hat sich einmal mehr gezeigt, wie viel wir alle uns gefallen lassen, solange der Lebensstandard nicht maßgeblich leidet. Mit anderen Worten: Solange der Österreicher am Sonntag sein Schnitzer’l am Tisch hat, revoltiert er nicht. Dann bleibt es bei der reinen Empörung, auf die nichts weiter folgt. Bloße Zahlen, selbst wenn es sich um unfassbare 19 Milliarden € Kosten handelt, sind eben zu kalt um tiefgreifende Emotionen zu wecken.
Vielleicht ist Empörung dem aktiven Handeln oft sogar abträglich. „The revolution will not be televised“ hieß es bereits um 1970 herum: Vielleicht begünstigt das Verfassen von Blogeinträgen und das Teilen von kritischen Artikeln via Facebook, Twitter und ähnlichem sogar die Passivität. Bekommt man doch das Gefühl, nicht gänzlich schweigsam alles hinzunehmen. Zumindest Dampf abgelassen zu haben. Spürt dadurch, mit seinem Ärger nicht allein zu sein, womit es irgendwann dann doch einmal reicht und die angestaute Empörung sich doch noch entladen wird. Durchaus denkbar, dass die daraus resultierende tägliche Konfrontation mit unzähligen Missständen aller Art aber auch einfach nur in das Gefühl von Ohnmacht mündet.

Ohnmacht züchtet Wut, heißt es; aber Wut bewirkt nur selten Positives. Davon abgesehen – und hier schließt sich der Kreis – führt Ohnmacht meistens jedoch zu Resignation: „Weil’s eh nichts bringt.“ So gesehen gilt es sich zu fragen, ob wir mit unserer Empörung sorgsamer umgehen sollten, um sie nicht gänzlich zu verlieren. 

Dienstag, 29. September 2015

Vom Reichtum

Seit mittlerweile gut einem Jahr sitze ich daran, Musils Mann ohne Eigenschaften fertig zu lesen. Allein deswegen, weil er neben dem Ulysses als einer der großen Romane gilt, den viele kennen, aber ihn höchstens zu Teilen und kaum komplett gelesen haben. In der Tat, es ist durchaus anstrengend, das Buch ist schwer (daher mittlerweile auf die Kindle-Version umgestiegen), stellenweise nicht enden wollend und, wenn man sich ehrlich ist, passiert eigentlich nicht viel. Unzählige Gespräche, Beschreibungen, Beobachtungen, Charakterisierungen von Menschentypen und einer Epoche beziehungsweise jener Zeit, die der gelernte Österreicher immer noch am Liebsten idealisiert: Das Österreich, genauer gesagt das Wien des fin de siècle. Aber dennoch, irgendwas hat der Roman dann doch für sich (umsonst schafft man es nicht in den Bildungskanon), immer wieder findet sich etwas, das sich als prophetisch deuten lässt, immer wieder wird man zum Nachdenken angeregt. So etwa unter anderem in Musils Beschreibungen zum Reichsein, das auch seine Schattenseiten hat.
Auch Henryk Broder hat unlängst einen Artikel zum Wohlstand geschrieben. Dazu, dass es heute eher verpönt ist, reich zu sein und Reichtum zu zeigen. Wer Geld hat, wird kritisch beäugt, muss irgendwie kriminell sein, hat vielleicht bloß geerbt oder ist ein Ausbeuter. Nein, die Guten sind selten bis gar nicht reich.
Was für Millionäre gilt, trifft auch auf Wohlstands-Gesellschaften zu. Hier hat sich etwa Peter Sloterdijk in seiner Schrift „Die nehmende Hand und die gebende Seite“ geäußert: Ihm zufolge geht die gesellschaftlich weit verbreitete Verurteilung von Wohlstand auf das Rousseausche Diktum von der konfliktfördernden Wirkung der Eigentumsbegründung. Das diesbezügliche Zitat ist ja allgemein bekannt:

 "Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen »Dies gehört mir« und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wieviel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: »Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, aber die Erde niemandem gehört«."

 Die ursprüngliche Landnahme als Unrechtsakt lässt sich damit als Erbsünde moderner bürgerlicher Gesellschaften ansehen, die es früher oder später rückgängig zu machen gilt. Aus den daraus resultierenden Schuldgefühlen nehmen die Besteuerten auch stoisch die historisch unvergleichlich hohe Steuerlast hin. Jeder nachfolgende staatliche Handlung, die Errichtung der bürgerlichen Gesellschaft selbst, gründet auf Unrecht und ist insofern zu hinterfragen. Hier finden revolutionäre Ideen, allen voran der Marxismus und die Proudhornsche Losung vom Eigentum als Unrecht ihren Ursprung.

Ob und inwiefern unsere bürgerliche Gesellschaft tatsächlich so entstanden ist, weiß man nicht. Ebenso wenig muss man Rousseau entgegenhalten, dass Gesellschaften mit einem funktionierenden System des Eigentumsschutzes und der Eigentumsbegründung mehr Wohlstand schaffen. So etwa die Ausführungen Hernando de Soto in seinem aus dem Jahr 2002 stammenden Werk "Freiheit für das Kapital". Die FAZ von damals dazu:
Die Hauptursache für die Armut in der Welt lautet de Soto zufolge also nicht "zu wenig Geld", sondern "schlechtes Recht". Diese These stellt der Ökonom in den Zusammenhang der Globalisierungsdebatte. Er gibt den Globalisierungskritikern in vielen Punkten recht. "Außerhalb der westlichen Welt", schreibt er, "stößt der Kapitalismus auf wachsende Feindschaft; er ist ein Apartheid-System, das die meisten Menschen ausgrenzt." Die Ursache sieht er aber nicht in der Globalisierung selbst, sondern im Versagen, die "entscheidende Eigentumsfrage" in den Mittelpunkt zu stellen: In den Ländern der Dritten Welt profitieren nur wenige Privilegierte von der Globalisierung, weil die anderen keinen Zugang zum Rechtssystem haben, da es nicht gelungen ist, ihr Kapital zu "globalisieren".

Davon abgesehen; Reichtum ist kein Selbstzweck, er kann auch als Belastung aufgefasst werden, mit der nicht jeder umzugehen vermag und die belastet. Man denke nur an das Schicksal vieler Lottogewinner oder mit bombastischen Verträgen ausgestatteter Spitzensportler, die nach einigen Jahren wieder alles verjubelt haben und sich für bankrott erklären müssen. Zu viel Geld kann einem auch das Gefühl vermitteln, nicht über genügend Zeit zu verfügen, ihn entsprechend auszukosten und von den damit einhergehenden Möglichkeiten ausreichend Gebrauch zu machen. Ebenso kann jemand, der viel hat, auch viel verlieren und oft braucht der Sturz ins Unglück auch nur relativ gesehenen geringen Verlust. Man denke an die Selbstmorde so mancher Unternehmer und Investoren, die im Zuge der jüngsten Finanzkrise viel Geld verloren haben (so etwa Adolf Merckle. Die immer noch reich waren, nur eben weniger reich. Denen der relative Wohlstandsverlust zugesetzt hat. Ab einer gewissen Reichtumsstufe macht die nächste Million nicht mehr viel glücklicher, der Verlust einer Million dafür umso mehr.
Hinzu kommt, dass Reichtum die Wahrnehmung der Mitmenschen verzerrt. So wie man als westlich aussehender Tourist in so manchen Gegenden das Gefühl hat, für viele wie ein wandelnder Bankomat auszusehen, bleiben Reiche in hiesigen Breiten lieber unter sich; vielleicht auch, weil ihnen von Seiten vieler mit einem niedrigeren finanziellen Status Neid oder der Wunsch, doch ein wenig etwas für diese oder jene Unternehmung abzugeben, entgegenschwallt. Wer weiß, ob ein Lottogewinn sich letzten Endes sich nicht als Fluch herausstellt, wie viele Freunde einen in seinen Sorgen nicht mehr ernst nehmen oder zumindest Gedanken wie "wieso ist der so traurig, er hat doch so viel Geld" hegen würden. Weshalb unterschiedliche Wohlstandsniveaus Freundschaften oft – nicht immer – belasten und sogar verunmöglichen können. Am Ende des Tages messen Menschen ihr persönliches Glück in Relation zu Nachbarschaft, Arbeitskollegen und Freunden, nicht mit den Kim Kardashians dieser Welt.
Das letzte Wort, weil Ursprung für diese Zeilen, soll aber Musil mit seiner wunderbaren Beschreibung vom Geld als Bürde in seinem Mann ohne Eigenschaften und der Charakterisierung des wohlhabenden und sich intellektuell betätigenden Industriellen Arnheim:
Nur Leute, die kein Geld haben, stellen sich Reichtum wie einen Traum vor; Menschen, die ihn besitzen, beteuern dagegen bei jeder Gelegenheit, wo sie mit Leuten zusammentreffen, die ihn nicht besitzen, welche Unannehmlichkeit er bedeute.
Arnheim hatte zum Beispiel oft darüber nachgedacht, dass ihn doch eigentlich jeder technische oder kaufmännische Abteilungsleiter seines Hauses an besonderem Können beträchtlich übertreffe, und er musste es sich jedes Mal versichern, dass, von einem genügend hohen Standpunkt betrachtet, Gedanken, Wissen, Treue, Talent, Umsicht und dergleichen als Eigenschaften erscheinen, die man kaufen kann, weil sie in Hülle und Fülle vorhanden sind, wogegen die Fähigkeit, sich ihrer zu bedienen, Eigenschaften voraussetzt, welche nur die wenigen besitzen, die eben schon auf der Höhe geboren und aufgewachsen sind.
Eine andere, nicht geringere Schwierigkeit für reiche Leute ist die, dass alle Leute Geld von ihnen wollen. Geld spielt keine Rolle; das ist richtig, und einige tausend oder zehntausend Mark sind etwas, dessen Dasein oder Fehlen ein reicher Mann nicht empfindet. Reiche Leute versichern dann auch mit Vorliebe bei jeder Gelegenheit, dass das Geld am Werte eines Menschen nichts ändere; sie wollen damit sagen, dass sie auch ohne Geld so viel wert wären wie jetzt, und sind immer gekränkt, wenn ein anderer sie missversteht. Leider widerfährt ihnen das gerade im Verkehr mit geistvollen Menschen nicht selten. Solche besitzen merkwürdig oft kein Geld, sondern nur Pläne und Begabung, aber sie fühlen sich dadurch in ihrem Wert nicht gemindert, und nichts scheint ihnen näher zu liegen, als einen reichen Freund, für den das Geld keine Rolle spielt, zu bitten, dass er sie aus seinem Überfluss zu irgendeinem guten Zweck unterstütze. Sie begreifen nicht, dass der reiche Mann sie mit seinen Ideen unterstützen möchte, mit seinem Können und seiner persönlichen Anziehungskraft. Man bringt ihn auf diese Weise außerdem in einen Gegensatz zu der Natur des Geldes, denn diese will die Vermehrung genauso, wie die Natur des Tieres die Fortpflanzung anstrebt. Man kann Geld in schlechte Anlagen stecken, dann geht es auf dem Feld der Geldlehre zugrunde; man kann damit einen neuen Wagen kaufen, obgleich der alte noch so gut wie neu ist, in Begleitung seiner Polopferde in den teuersten Hotels der Weltkurorte absteigen, Renn- und Kunstpreise stiften oder für hundert Gäste an einem Abend so viel ausgeben, dass davon hundert Familien ein Jahr lang leben könnten: mit alledem wirft man das Geld wie ein Sämann zum Fenster hinaus, und es kommt vermehrt bei der Türe wieder herein. Es aber im Stillen für Zwecke und Menschen verschenken, die ihm nichts nützen, das lässt sich nur mit einem Meuchelmord am Geld vergleichen. Es kann sein, dass diese Zwecke gilt und diese Menschen unvergleichlich sind; dann soll man sie mit allen Mitteln fördern, nur nicht mit Geldmitteln.

Montag, 7. September 2015

Vom Gegenwartsfetisch

hic et nunc, hier und jetzt. Die Zeit, in der wir leben. Gestern ist vorbei und vergessen, überübermorgen wiederum fühlt sich fern an. Allenfalls morgen, das nächste Wochenende, vielleicht ein paar Monate, aber dann ist irgendwann mal wirklich Schluss mit dem Blick nach vorne. Gut essen gehen, auch mal gern eine Ausstellung, ins Theater, zu Lesungen und was der große Kunst-und Kulturmarkt nicht alles zu bieten hat beziehungsweise was es nicht allen an sonstigen Events mit vielen virtuell zugesicherten Teilnahmen so gibt. Veranstaltungsreihen, Lokale und Gallerien allerorts. Das alles freilich mit Stylingbewusstsein, anders und doch irgendwie  aussehen wie die eigene soziale Kohorte. Den dazugehörigen immateriellen wie materiellen Konsum natürlich entsprechend fotografisch festhalten und teilen. Von Instagram zu Insta-Life.

Schöne Fassaden, das wissen wir spätestens seit Adolf Loos, verdecken dahinterstehendes Elend. Noch heute erinnere ich mich das öffentliche Bild in Spanien zur Zeit meines Erasmussemesters – das kollektive europäische Verbundenheitserlebnis für Studenten in den frühen bis Mit-20ern – während die Eurokrise unter dem damaligen und mittlerweile wieder aus dem Kurzzeitgedächtnis der Medien verschwundenen Schlagwort von den PIIGS (Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien) ihren Höhepunkt erreicht hatte. Die Lokale dennoch oder eben gerade deswegen voller lachender Menschen, eine verwirrte Professorin selbst meinte zu Beginn einer jeden Stunde, die Leute nicht zu verstehen, kein Geld und dennoch dauernd am Ausgehen, no sorpresa, dass es einmal so kommen musste. Aber vielleicht ist genau dieses Verhalten weniger Hintergrund als logischste aller Reaktionen. Das Leben genießen, solange es geht, Ablenkung von unangenehmen Gedanken und Themen, im Idealfall gerade in Spanien beim Fussball, Ronaldo oder Messi, wer gewinnt das nächste Classico?

Auch in hiesigen Breiten verhält es sich seit geraumer Zeit nicht wesentlich anders. Bei vielen reicht die Planung allenfalls zum nächsten großen Urlaub, der muss schließlich möglichst weit weg stattfinden, in Europa ist ja sowieso alles überall gleich und homogenisiert, weswegen es hier nur wenig Abwechslung beziehungsweise Gelegenheiten zum Abschalten gibt. Dann kann man sich davon erzählen, wie ruhig und erfrischend anders, wenn auch weniger steril, das Leben in Thailand, Vietnam, Kambodscha oder Indien nicht abläuft, welch Erkenntnisse und Einsichten man am Strand von Goa nicht gesammelt hat.

Unser Umgang mit der Zeit scheint dominiert vom present-oriented hedonist, wie er vom durch das Stanford Prisoner-Experiment berühmt gewordenen Psychologen Philipp Zimbardo und seinem Kollegen John Boyd folgendermaßen beschrieben wurde:
Self indulgent, playful, enjoys all things that bring immediate pleasure and avoids those that involve much effort, work, planning, or unpleasantness. Lives to consume the good life and takes many different kinds of risks in part because he or she does not fully consider the realities of negative consequences and at the same time seeks stimulation and excitement.

Eigentlich ein glücklicher Ort, diese Gegenwart. Was in 5, 10, 20 Jahren passiert erscheint weit weg, dort warten ohnedies lediglich nicht-fotografierbare Probleme und Herausforderungen für die Zukunftsversionen von uns (Simpsons-Referenz gefällig? "That's a problem for future Homer. Man I don't envy that guy"). Dabei führen natürlich auch äußere Umstände zu Resignation oder als befreiend erlebter Unbekümmertheit und Jetztbezogenheit beziehungsweise, volkswirtschaftlich ausgedrückt, einer hohen Zeitpräferenzrate. Bevor das Geld auf der Bank liegt und an Wert verliert, wird es ausgegeben. Zumal ja niemand so genau weiß was kommt und es sich ohnedies nur in höchst beschränktem Maße beeinflussen lässt. Wird schon passen oder eben nicht. “Etwas aufbauen” (von der Eigentumswohnung über ein Unternehmen bis hin zum von der US-Film- und Serienindustrie ins kollektive Denken eingehämmerten Haus im Grünen mitsamt weißem Lattenzaun und Hund) ist ohnehin kaum möglich beziehungsweise nicht sonderlich attraktiv: Praktika und befristete Verträge, Stellenabbau, der jeden betreffen kann, mehr als ungewisse Pensionen, drohende Hyperinflation (die große Krise ist nicht gelöst, sondern lediglich verschoben), Staatsschuldenkrise, bedenklicher demographischer Wandel und eine enorme Steuerbelastung (durch Arbeit wird man nicht reich!). Allenfalls den bereits vorhandenen Wohlstand, mag er auch noch so klein sein, so weit wie möglich erhalten. Kinder bekommen wird verschoben, erscheint selbst bei 30-jährigen fern, bis viele es überhaupt lassen, noch dazu, wo man mittlerweile immer öfters liest, dass Nachkommen nicht wirklich glücklich machen. Wirkt alles obendrein ohnehin bieder und schränkt ja auch so furchtbar stark ein, da ist nichts mehr mit spontan wo vorbeischauen und ganz allgemein einfach tun wonach einem gerade die Sinne stehen.

Erwachsen werden ist am Ende des Tages weniger eine Frage des Alters denn der übernommenen Verantwortung und "Kinder kriegen" markiert in diesem Punkt den Endgegner. Also lieber die Jugend durch kollektives in-den-Tag-hinein-Leben verlängern, stiller Protest, der keiner ist. Diese Welt ist ohnehin für junge Leute gemacht (man lese etwa Houellebecq "die Möglichkeit einer Insel" oder höre Prinz Pi "Moderne Zeiten"), Kappen verdecken schütteres Haar, Sneakers sind bequemer als Anzugschuhe und im Sommer ist es viel zu heiß für Sakkos.

Man darf sich fragen, wie viele der heutigen – im juristischen Sinne – Erwachsenen beim Stanford Marshmallow Experiment lieber gleich einen essen als später zwei bekommen würden. Nach denen nicht einmal die Sintflut kommt, die ja aus der Bibel stammt, denn so richtig gläubig ist ist ja kaum noch wer – allenfalls zum (Tauf-)Schein, weil heiraten in einer Kirche doch als romantisch gilt. Womit sich auch die Sache mit dem Leben nach dem Tod erübrigt hat; spätestens dann ist dem Ablebenden selbst alles nicht einmal mehr egal. Um es mit Sartre zu sagen, der Mensch ist seine eigene Existenz. Mit Keynes "in the long run we're all dead". Oder mit der nicht mehr ganz so aktuellen Popkultur "in the end it doesn't even matter" (Linkin Park).