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Samstag, 13. Februar 2016

Zum Tod von Trifon Iwanow: A walk down the memory lane

Trifon Iwanow ist heute im Alter von gerade einmal 50 Jahre verstorben. Der Bulgare mit dem charakteristischen Bartwuchs steht wie kaum ein anderer für den österreichischen Fußball der Mitt-1990er Jahre, genauer gesagt der damals höchst erfolgreichen Rapid-Mannschaft. Für viele eine prägende Zeit. Mehr als genug Anlass zum Sinnieren.
Kultfigur Iwanow
Trifon Iwanow erlangte im Zuge der WM von 1994 als Mitglied des damals überraschend bis ins Halbfinale avancierten bulgarischen Nationalteams internationale Bekanntheit. Als er bei Rapid Wien anheuerte war er den meisten daher schon ein Begriff, eine Seltenheit bei Neuverpflichtungen österreichischer Fußballvereine (von so manchen abgehalfterten Ex-Stars abgesehen; man erinnere sich an Giuseppe Giannini, Hugo Sanchez oder auch Dejan Savićević). Was freilich daran lag, dass er seine Karrierechancen mit immer wiederkehrenden disziplinären Probleme erheblich einschränkte. Österreich, das war und ist ja nicht unbedingt ein fußballerisches Traumziel.
Iwanow hat sich neben dem kultigen Äußeren – der bereits erwähnte Bartwuchs in Kombination mit seinen bis in den Nacken reichenden Haaren (eine sogenannte Gnackmattn) und dem unverkennbaren Schlafzimmerblick – vor allem mit zwei Aktionen ins kollektive Gedächtnis der nicht mehr ganz so jungen österreichischen Fußballfans eingebrannt. Seine Vorarbeit zum 2:0 gegen Sporting Lissabon im mittlerweile abgeschafften "Cup der Cupsieger"-Bewerb 1995/96 (O-Ton Hans Krankl, damals Co-Kommentator: "der Iwanov als selbsternannte Sturmspitze hat das Tor möglich gemacht" ) und sein aus dem Nichts abgefeuerter Weitschuss im entscheidenden Meisterschaftsspiel gegen Sturm Graz in der gleichen Saison (und das, obwohl er nicht einmal zu einem Tor geführt hat). Rapid erreichte in besagtem Bewerb das Finale und wurde österreichischer Meister.
Die guten alten 90er
In dieser Saison war ich gerade einmal 10 Jahre alt. Das Spiel gegen Sporting Lissabon habe ich vor dem Fernseher erlebt. Die Portugiesen waren eigentlich eine Übermacht und kaum jemand hat gedacht, dass Rapid (noch) weiterkommen würde. Der Erfolg und der dahinterstehende Kämpferwille gilt als eines der Paradebeispiele für den Mythos vom "Rapid-Geist". Beim 2:0 gegen Sturm Graz war ich sogar im Stadion, nach Abpfiff durfte ich als Teil der euphorisierten Masse hinunter zum Spielfeld. Mit dem legendären grünweißen Dress aus der Zeit. Vorne Avanti, hinten die Nummer 7, inklusive Namensaufdruck (Christian Stumpf; weil er so "groß und stark" war), obwohl das damals, soweit ich weiß, noch nicht üblich war. Just an jenem Tag gekauft, an dem Christian Stumpf besagte Vorlage verwertet hat. Ich war vorm Fernseher so stolz, als wäre ich der eigentliche Torschütze. Damals brauchte es nicht viel und schon gar keine eigene Leistung.
Beim Lesen des Tweets von seinem Tod sind diese und andere Erinnerungen wieder hochgekommen. An das rotblaue Oldschool-Rapid-Auswärtsdress. Daran, wie begeisterungsfähig man in diesem Alter doch ist. An Stickeralben, Sportmagazine aller Art und den Katalog vom Fanshop-Strobl. Zu Weihnachten ein Dress (also Trikot, Hose und Stutzen!), zum Geburtstag Fußballschuhe, Schienbeinschoner und Torwarthandschuhe (weil die Dressen doch sehr teuer waren, musste bisweilen eine "Fälschung" vom Naschmarkt ausreichen, für die man sich vor anderen geniert hat).
An Matches in Wiener Parks, wo man ab und an auch Watschen von anderen Kids bekommen hat, die diesen in numerischer Überlegenheit und der Gewissheit des Rückhalts älterer Brüder als ihr Revier betrachteten.
Das allgemeine Faible für Fußballer, die Suche nach Idolen. Meins war beispielsweise Michael Konsel; wie gesagt, ich spielte gern im Tor, wenn auch eher schlecht (erst ab ca. 15 herum konnte ich mich vom "Eiergoalie" zu einem, wie ich mir zumindest einrede, halbwegs passablen Torhüter mausern). Im Zuge der EM 2008 hatte ich die Gelegenheit, kurz mit ihm zu plaudern. Konnte ihm leicht angeheitert und mit einem kleinen Rest kindlicher Nervosität meine damalige Bewunderung gestehen. Zwei, drei irgendwie seltsam anmutende Fotos sind dabei auch entstanden (zum Glück war die Kompaktkamera dabei).
Fußball: Eine gemeinsame Sprache
Fußball, das konnte man heute etwa auf Facebook, in Foren, den Kommentaren unter den Artikeln oder Twitter einmal mehr sehen, verbindet. Man denke nur an die Coca Cola Werbung zur EM 2008. Zwei Männern, die gemeinsam in einem Zugabteil sitzen; auch wenn sie keine gemeinsame Sprache sprechen, kommunizieren sie hervorragend: Durch die simple Erwähnung von großen Fußballern, gefolgt mit einem "ooooh" als Ausdruck der Begeisterung. Ja, so funktioniert das wirklich, selbst erlebt, unabhängig von gemeinsamer Sprache, quer durch Schichten und Kulturen. Egal, ob beim Bundesheer oder Taxifahrten in fern und weniger fern gelegenen Ländern.
Die Nennung von Namen, vorzugsweise aus einer prägenden Zeit, löst bei Fuballfans unweigerlich eine Reihe von Assoziationen aus. Ich muss neben der damaligen Rapidmannschaft (vermutlich, weil eingangs von der WM 1994 die Rede war), etwa an Roberto Baggio und seinen im Finale verschossenen Elfmeter 1994 denken; an mein zweites Torwartidol Oliver Kahn und daran, wie er Andreas Herzog ("unseren" Andi! Die Zehe der Nation!) gewürgt hat, aber auch daran, dass er beim Karlsruher SC im Tor stand, als dieser von der damaligen Austria Salzburg aus dem UEFA-Cup geworfen wurde. Viele andere Namen und damit einhergehende Episoden kommen in den Sinn, drei seien noch genannt. Toni "Rambo" Pfeffer und sein legendäres Interview bei der 0:9-Niederlage gegen Spanien. Andreas Ogris Stirn an Stirn mit Didi Kühbauer. Ivica Vastic, Teil des "magischen Dreiecks" bei Sturm Graz, wahnsinnig guter Techniker, aber Schwalbenkönig. Das Spiel mit der fußballerischen Nostalgie könnte man jetzt ewig so weiterspielen. Der Tod von Trifon Iwanow hat wohl bei so einigen ähnliche Auswirkungen mit sich gebracht: Einen "walk on the memory lane" der 1990er mitsamt den damit verbundenen Mannschaften, Einzelspielern und anderen höchstpersönlichen (Fußball-)Erfahrungen.
Der Tod und die großen Fragen
Bei so manchem hat der frühe Tod von Trifon Iwanow vielleicht auch ein weitergehendes Grübeln ausgelöst. Über die mit so manchem Todesfall wiederkehrenden (für mich persönlich erst vor wenigen Tagen anlässlich des Tods von Roger Willemsen) großen Themen unseres Daseins: Die eigene und allgemeine Vergänglichkeit, der möglicherweise nicht mehr so weit entfernte Tod naher Verwandter; daran, dass man vielleicht mal wieder die eigenen Großeltern besuchen oder wenigstens öfter anrufen sollte (Selbiges gilt mitunter auch für die Eltern). Die mit fortschreitendem Alter immer schneller vergehende Zeit. Das große "was kommt danach", ob es ein solches überhaupt gibt und wenn ja, wie es aussieht. Oder auch, wie man seine Zeit verbringen möchte beziehungsweise sollte: Das gute Leben, das schon Aristoteles untersucht und beschrieben hat. Von der Frage aller Fragen, also dem Sinn des Lebens, ganz zu schweigen (zur Not bleibt das allgemein bekannte 42).
Es gibt natürlich keine allgemein gültigen und in jedem Falle zufriedenstellenden Antworten. Gerade deshalb tragen wir diese Fragen ja auch ein Leben lang mit uns herum, wobei sie sich tendenziell nur bei konkreten Anlässen stellen (dann dafür umso drängender). Eben beispielsweise dann, wenn ein Fußballer stirbt. Zumindest so lange, bis die nächste Ablenkung kommt. Und die gibt es ja gerade heute in Hülle und Fülle. Morgen findet zum Beispiel das nächste Wiener Derby statt.

Montag, 8. Februar 2016

Roger Willemsen – ein Nachruf

Roger Willemsen ist tot. Jeden berühren ja andere Todesfälle von Menschen, bei denen man irgendwie das Gefühl hatte, sie zu kennen ohne sie zu kennen. Weil der Mensch einen mit seinem künstlerischen Werk, sei es musikalisch, schriftstellerisch oder sonstwie, berührt hat etwa. Erinnert sich an einen ganz bestimmten Moment – einen von denen, die das Leben eben ausmachen, von denen man glaubt, dass man sich an sie erinnert, wenn es mit einem selbst zu Ende geht – eine Lebensphase, in der das Werk eine Rolle gespielt hat; Musik als Teil des ganz persönlichen (Lebens-)Soundtracks oder ein Buch im Rucksack als steter Begleiter bei der Art von Reisen, wie man sie nur in jungen Jahren unternehmen kann.
Roger Willemsen, genauer gesagt sein Buch "Der Knacks" war so etwas für mich. Es beginnt mit dem Tod seines Vaters und darum, wie der Tod damit sein Leben schon früh geprägt hat. Eben alles irgendwie anders geworden ist. Um darauf aufbauend weitere, freilich nicht-empirische Thesen zu diesen Knackpunkten des Lebens, diesen Momenten und Phasen, die alles verändern, auszuformulieren. Schöne Gedanken, ohne Struktur, die ohnehin gestört hätte. Die Lektüre ist zu lange her, um sich an Details zu erinnern; aber der Eindruck ist immer noch da. Oft genug entscheidet letztlich ohnehin das, was man selbst aus einem Buch macht und was davon bleibt.
Das Buch selbst befindet sich nicht mehr in meinem Buchregal. Entweder verborgt – da weiß man wieder, wieso man Bücher nur ungern herborgt – oder jemandem geschenkt, mitunter in einer schwierigen Situation. Ist auch nicht so wichtig. Es ist die Art von Buch, die man jemandem schenkt, der gerade in einer Umbruchphase – das meint Willemsen ja mit "Knacks" – steckt. Und Bücher, das kann man bei Viktor Frankl sehr schön lesen, sind ja ein hervorragendes Therapeutikum.
Amazon sei Dank kann man Bücher über die Vorschaufunktion ja teilweise vorab begutachten; und die entscheidende Passage ist verfügbar. Sehr eigentümlich, diese Zeilen jetzt zu lesen. Ein wenig bekommt man den Eindruck, als hätte Willemsen diese Zeilen auch für sich geschrieben – schließlich ist auch er einem Krebsleiden erlegen:

Denn so viel wusste ich sofort: Sterben würde mein Vater, an Krebs sterben, trotz aller Bestrahlungen und günstig klingenden Befunde, sterben an etwas, das unter dem von den Strahlungen rot gewordenen Fleck auf seiner oberen Rückenpartie saß – eine Stelle wie ein mittelschwerer Sonnenbrand. Diese raue Stelle war das einzig Äußerliche, das uns die Krankheit zu sehen gab. Nein, es war ja nicht einmal die Krankheit, die sich zeigte, es war der ärztliche Versuch einer Therapie, die auf Strahlen, Verbrennungen, Verätzungen, auf Ausmerzungsprozesse im Innern des Vaterleibes setzte. Wir alle haben diese Stelle manchmal eingecremt, die einzige Spur der Krankheit berührt, eine Rötung bloß, eine Bagatelle.
Doch der Knacks? Nicht das Wort »Krebs« löste ihn aus, nicht der Kochlöffel, nicht das Bild des Vaters im Krankenhausbett und auch nicht der Blick aus seinen Augen, als er sich, schon von Morphium benebelt, im Kissen aufrichtete, auf mich zeigte und fragte: » Wer ist das?«Auch die Nachricht von seinem Tod an jenem Augustnachmnittag war nicht der Knacks. Dies alles waren Schocks, Detonationen, Implosionen. Der Knacks war das weiße Huhn, das wiedergefundene Unwiederbringliche.Die Trauer ist das eine. Das andere ist der Eintritt in eine Sphäre des Verlusts. Anders gesagt: Der Verlust ist das eine, das andere aber ist, ihn dauern zu sehen und zu wissen, wie er überdauern wird: Nicht im Medium des Schmerzes und nicht als Klage, nicht einmal expressiv, sondern sachlich, als graduelle Verschiebung der Erlebnisintensität.Man könnte auch sagen: Etwas Relatives tritt ein. Was kommt, misst sich an diesem Erleben und geht gleichfalls durch den Knacks. Es ist der negative Konjunktiv: Etwas ist schön, wäre da nicht ... Es tritt ein Moment ein, in dein alles auch das eigene Gegenteil ist. Als kämen, auf die Spitze getrieben, die Dinge unmittelbar aus dem Tod und müssten sich im Leben erst behaupten und bewähren.
Todesfälle regen oft genug unvermeidlich zum Nachdenken an; was sie auch tun sollen.  Sie rücken Dinge in Perspektive und werfen die gute alte Frage nach dem auf, worauf es im Leben wirklich ankommt. Darauf, dass vieles, das einen für den Moment intensiv beschäftigt oder gar mitnimmt, auf die Lebensspanne gesehen von lediglich verschwindend geringer Bedeutung ist. Dann denken wir zumindest kurz über die großen, oft banal daherkommenden Themen nach. Der berühmte Psychologe Irvin Yalom erzählt dementsprechend gerne davon, dass er seine Klienten in der ersten Sitzung dazu auffordert, auf einer Lebenslinie einzuzeichnen, wo sie sich gerade befinden. Um ihnen die Binsenweisheit, die wir dennoch wieder und wieder vergessen, klarzumachen: Heute, jetzt gerade beginnt der Rest deines Lebens.
Und ganz allgemein scheint uns der Gedanke an das eigene Ableben paradoxerweise glücklich machen zu können: Lässt er uns doch der eigenen Vergänglichkeit gewahr werden. Gibt Anlass, existenzielle, langfristige Ziele mit kurzfristigen Begierden abzustimmen. Und wirft die essentielle Grundfrage auf, ob wir unsere beschränkte Lebenszeit sinnvoll einsetzen, was freilich gegebenenfalls zum gebotenen Umdenken anregen kann – wofür es, und auch das klingt pathetisch (aber das liegt einfach am Thema) nie zu spät ist.